Retro-Gaming: Deswegen waren Spiele früher viel schwerer

KIDCA

Hart, härter, Kid Chameleon (1992)

Egal ob Arcade-Game oder Videospiel — bis weit in die 90er Jahre hinein waren viele Spiele saumäßig schwer. Das virtuelle Sterben gehörte einfach dazu. Entwickler bauten mehr oder weniger faire Fallstricke in ihre Titel ein, sodass es für Spieler ungemein anstrengend war, bis zum Level-Ende oder gar Spielende zu gelangen. Doch die Entwickler hatten besonders bei Arcade-Titeln häufig keine andere Wahl, als das Spiel umgemein schwer zu gestalten.

Die Spielmodule für den Atari 2600 hatten nur wenige Kilobyte Speicher.

Die Spielmodule für den Atari 2600 hatten nur wenige Kilobyte Speicher.

Wichtige Spielestudios hatten damals wesentlich weniger Mitarbeiter und Geld zur Verfügung. Dazu kam, dass die Computer- oder Konsolen-Hardware im Vergleich zu heute nur einen Bruchteil der Speicherkapazität hatte. Während wir heute von Giga- und Terabyte sprechen, fassten die Spielmodule vom Atari 2600 (ab 1978) üblicherweise nur 2 bis 4 KByte an Daten. Die Entwickler mussten sich also sehr gut überlegen, welche Funktionen und Grafiken sie in ihr Spiel einfügen, um die maximal mögliche Größe nicht zu überschreiten und gleichzeitig im Budget zu bleiben.

Dennoch wollten die Entwickler ihre Spiele so abwechslungsreich und bunt wie möglich gestalten. Damit das klappte, machten sie ihre Spiele relativ kurz, schraubten aber die Herausforderungen für Spieler hoch. Sie gaben ihnen nur eine begrenzte Anzahl von „Leben“ (also Versuchen) und bauten teilweise sogar Hindernisse ein, die sich erst nach mehreren Anläufen überwinden ließen.

Ich kann mich noch gut daran erinnern: Anfang der 90er habe ich wochenlang gebraucht, bis ich Sonic 1 für das Master System II endlich das erste Mal durchgespielt hatte. Heute weiß ich: Ein erfolgreicher Durchlauf des nur 256 KByte großen Videospiels dauert alles in allem nur 30 Minuten inklusive dem Aufspüren aller sechs Chaos Emeralds. Damals musste ich viel Geduld aufbringen – Hilfsvideos aus dem Netz gab’s schließlich auch noch nicht.

Wochenlang habe ich gebraucht, bis ich Sonic the Hedgehog fürs Master System II das erste Mal durchgespielt habe. Ein Durchgang dauert aber nur 30 Minuten.

Wochenlang habe ich gebraucht, bis ich Sonic the Hedgehog fürs Master System II das erste Mal durchgespielt habe. Ein Durchgang dauert nur 30 Minuten.

2011 traf ich auf der Game Developers Conference in Köln den Spieleentwickler Mark Cerny, der außerdem für die technische Konzeption der Playstation 4 verantwortlich war. Er erklärte auf einem tollen Vortrag, dass sein Spiel Marble Madness (1984) eigentlich nur rund 4 Minuten lang ist, wenn man es in einem Rutsch durchspielt.

Cerny unterstrich, dass der Speicherplatz dermaßen knapp war, dass man sich damals sogar überlegte, den Spiele-Abspann mit den Entwicklernamen wegzulassen. Er belegte schließlich einige hundert Bytes, die man wiederum für eine zusätzliche Spielfunktion nutzen könnte. Außerdem kostete es wertvolle Zeit, sie zu erstellen. Trotzdem setzten sich die Marble-Madness-Entwickler durch und erstellten einen Abspann.

Manche Spiele waren aber viel zu frustrierend, etwa das Hüpfspiel Kid Chameleon (1992) für den Sega Mega Drive. Auch dieses Spiel war von Cerny, der damals noch davon ausging, dass das beste Jump-n-Run das härteste sei. Sein Titel Crash Bandicoot (1996) für die Sony Playstation war zwischen 6 und 12 Stunden lang und man startete mit 5 Leben – waren die Leben aufgebraucht, ging es von vorn los. Wer die Playstation ausschalten wollte, musste sich ein Passwort in einem schwierigen Bonus-Level erspielen, um an der gleichen Stelle wieder fortfahren zu dürfen.

Glücklicherweise hat sich der Trend ab Mitte der 90er geändert. Aktuelle Spiele bieten üblicherweise mehrere Schwierigkeitsgrade und Spielhilfen und sind dadurch auch für Anfänger zugänglich. Manche Titel sind aber wiederum zu leicht, besonders Retro-Zocker bemängeln eine „Casualisierung“ von Computer- und Videospielen.

Ich erinnere mich gerne noch an einige Spiele zurück, die ich nie durchgeschafft habe, etwa Alex Kidd in Miracle World. Ein einziges Mal habe ich es bis zu dem letzten Raum geschafft und bin dann mit nur einem verbleibenden Leben in den letzten Stachel gehüpft. Alex Kidd lässt sich übrigens in 15 Minuten durchspielen, wie Youtube beweist.

AlexKidd_1

Ein einziges Mal schaffte ich es in Alex Kidd in Miracle World bis zur letzten Krone – fast. Dann sprang ich in die Stacheln.

2 thoughts on “Retro-Gaming: Deswegen waren Spiele früher viel schwerer

  1. […] durchspielen wollt, seid ihr auf eine Speicher-Funktion angewiesen – besonders bei sehr schwierigen Spielen. Speichern könnt ihr aber bei der Browser-Emulation nicht. Installiert euch daher lieber eine […]

  2. […] Ancient schuf unter der Leitung von Yuzo Koshiro keinen Mega-Drive-Abklatsch, sondern ein in weiten Teilen eigenständiges Spiel mit einem einfachen, aber sehr guten Level-Design. Sonic beginnt das Spiel mit 3 Leben. Pro gesammelte 100 Ringe erhält man ein weiteres Leben — besonders viele Ringe gibts in den Special Stages. Für jedes Leben, das man am Ende des Spiels noch übrig hat, erhält man zusätzlich 5000 Punkte. Bis zum Ende zu kommen, braucht übrigens hartes Training — das war bei Spielen zu dieser Zeit üblich. Warum das so war, erklär ich euch in einem anderen Blogpost. […]

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